Wie oft sollte man sich einen Text anhören?

Tamman erzählte vor einiger Zeit im Forum von LingQ, dass er seit ein paar Monaten Deutsch studiert und nun langsam den Bogen raus hat. 90 Prozent seiner Zeit verwendet er aufs Hören und die restlichen 10 Prozent aufs Lesen. Er spricht und schreibt aber noch nicht. Anfangs hatte er Dialoge bis zu hundertmal angehört, bis er ein Gefühl dafür entwickelt hatte und es von etwas Undefinierbarem zu etwas wurde, was einen Sinn für ihn ergab. Im Moment ist er bei etwa vierzig- bis fünfzigmal angelangt. Wie auch immer, findet er nun manche Dialoge zu einfach und er hat nach ein- bis fünfmaligem Hören den Eindruck, sie bereits zu können. Er möchte einerseits gerne die einfachen Dialoge beenden, um eine solide Basis zu erwerben, um dann mit interessanteren Sachen wie Nachrichten und Kurzgeschichten weitermachen zu können; andererseits ist es ihm langsam etwas zu langweilig, einen Dialog so oft anzuhören, weil er schon alle Wörter kennt und sie nur in verschiedenen Formen auftauchen.

Seine Frage war, wie oft man Lektionen anhören sollte und wann man mit einer neuen Lektion weitermachen sollte.

Steves Antwort war, dass er etwa zwei Monate mit Anfängermaterial verbringt, dieses dann viele Male anhört und dann zu authentischen Inhalten übergeht, auch wenn die Anzahl der neuen Wörter plötzlich dann viel höher ist. Steve meint, es wäre an der Zeit weiter zu gehen.

Ich habe einen ähnlichen Rat gegeben. Wenn man sich gelangweilt fühlt, dann sollte man einen Schritt weitergehen und Texte einer höheren Schwierigkeitsstufe in Angriff nehmen. Hier sollte man auf sein Gefühl vertrauen, das einem sagt, das ist langweilig, das ist zu leicht! Außerdem kann man leicht vorwärts gehen zur nächsten Schwierigkeitsstufe und dann wieder zurück, wenn einem danach ist. Ich denke, es zeigt eindeutig, dass man Fortschritte macht, wenn man sich von leichten Lektionen gelangweilt fühlt. Ich gebe zu, dass ich mir niemals hundertmal denselben Text anhören könnte.

Oscar hat insbesondere meinen Vorschlag des Vorwärts- und Zurückgehens aufgegriffen und erläutert, dass man, indem man von schwereren Lektionen wieder zurück zu einfachen Lektionen geht, die feinen Unterschiede in den einfachen Lektionen besser erkennen kann.

Tammans Antwort darauf hat mich inspiriert, hier diesen Beitrag zu schreiben. Zunächst beschreibt er, was er nun gemacht hat: Er hat sich einen Dialog mit etwa 200 unbekannten Wörtern herausgesucht. Davon hat er sehr viele LingQs angelegt. Er hat den Dialog drei- oder viermal gelesen und fünfmal angehört, was zwar nicht viel ist, aber seiner Meinung nach viel Zeit in Anspruch genommen hat. Dazu hat er gute zwei bis drei Tage gebraucht, aber er hat nun einen Eindruck davon bekommen, wo das Verb in längeren Sätzen oft steht. Dann ist er wieder zurückgegangen zum Anfängermaterial und hat einige Lektionen daraus bearbeitet. Tamman hat das Gefühl, dass dieses Vor- und Zurückspringen viele Vorteile hat:

1. Der Lernende bleibt motiviert. In den längeren Dialogen versteht Tamman nicht 100 Prozent des Gesagten, selbst wenn er alle Wörter im Text nachschlägt, aber das ist kein Problem für ihn, weil er stattdessen ein “Gefühl” für die Sprache entwickelt und ihm bestimmte Dinge auffallen. Dann springt er zurück zu den einfachen Dialogen, von denen er 5 oder 6 in derselben Zeit erledigen kann, die er für einen schwierigen Dialog benötigt. Das hält ihn motiviert und gibt ihm das Gefühl, dass er vorankommt.

2. Das Vor- und Zurückspringen hilft, sich auf verschiedene Aspekte zu konzentrieren. Das Anfängermaterial hat hilfreiche, alltägliche Gespräche zum Beispiel wie man ein Formular ausfüllt oder wie man nach dem Status von jemand fragt. Die längeren, anspruchsvolleren Texte, entsprechen eher dem Stil von Nachrichten, einem Buch oder einer Dokumentation. Der Stil unterscheidet sich deutlich in beiden Arten von Lektionen. Zwischen diesen Stilen springt Tamman nun ständig vor und zurück. Gleichzeitig erwirbt er viele nützliche Wörter auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen.

3. Das Vor- und Zurückspringen schärft das Bewusstsein, weil in den längeren Texten manchmal dasselbe Wort dreißigmal auftaucht, während man es in den einfachen Dialogen oft nur einmal sieht. Insbesondere bei Verben enthalten die schwereren Texte oft mehr verschiedene Formen desselben Wortes.

Tamman stellt dann fest, dass er die Freiheit, die das Studieren mit LingQ bietet, wirklich mag. Dieses Gefühl hatte er nie, während er in der Schule Sprachen lernte. Das Gefühl, die Kontrolle zu haben, gibt dem Lernenden Selbstvertrauen, später noch viel mehr Sprachen zu lernen. Außerdem macht so das Lernen viel mehr Spaß und Tamman meint, er liebt seine Deutschstudien wirklich.

Gerade das Letztere freut mich natürlich sehr. Auch ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen, denn mir geht es genauso. Mir hat Sprachenlernen früher nie Spaß gemacht und jetzt ist es zu einem Hobby geworden, weil es mir viel Freude macht.

Hier noch eine Anmerkung in eigener Sache: Die von mir erstellten Anfängermaterialien in der Sammlung “Ab jetzt lerne ich Deutsch!” sind von mir bewusst so gestaltet, dass dort nur einfache Satzstrukturen verwendet werden. Die Sätze sind immer möglichst kurz gehalten. Die Texte sind auch in Bezug auf die verwendeten Zeiten beschränkt, damit sich die Anzahl der Verbformen in Grenzen hält. Diese Beschränkung hat zu Anfang auch ihren Sinn, denn zu viele Formen werfen viele Fragen auf und können verwirren, wenn ich mit einer neuen Sprache beginne. In Veras Tagebuch für Anfänger bleibe ich bei einfachen Strukturen und einfachen Zeitformen, also meistens der Gegenwartsform, während ich dann dieselben Inhalte in Veras Tagebuch anspruchsvoller ausdrücke. Die Sätze werden komplexer und ich verwende auch häufiger die Zukunfts- oder Vergangenheitsform.

Ich selber wechsle beim Lernen ständig die Inhalte mit denen ich lerne und ich wechsle auch ständig zwischen leichten, mittleren und schwereren Inhalten, wobei mein Fokus beim Englischlernen auf mittelschweren Inhalten liegt, die allerdings leicht für mich sind, aber gerade diese Inhalte helfen mir, Strukturen besser zu verinnerlichen und meinen aktiven Wortschatz zu stärken. Vor- und zurückspringen kann also auf jedem Niveau hilfreich sein. Probiere es aus! Und denke daran: die Mischung macht’s.

Text und Audio dieses Beitrages findet man auch in der Sammlung “Veras Corner” in der deutschen Bibliothek von LingQ:
http://www.lingq.com/learn/de/store/lesson/74566

 

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