Warum ich leichte Lektionen mag

Jemand machte vor einiger Zeit einmal im Forum von LingQ eine etwas verächtliche Bemerkung über mein Lernen und meine Lernfortschritte. Offensichtlich hatte er beobachtet, dass ich bei LingQ oft leichte Lektionen studiere und dass die Anzahl meiner bekannten Worte nicht besonders hoch ist und auch nur langsam steigt. Diese Beobachtungen sind durchaus richtig. Und ich gebe zu, dass ich nicht nur bei LingQ leichte oder leichtere Inhalte wähle, ich höre mir auch gerne Podcasts an, bei denen ich keinerlei Mühe habe, den Inhalt zu verstehen. In Bezug auf das Vokabular sind diese Podcasts wirklich leicht für mich und ebenso auch, was das Sprechtempo anbetrifft z. B. der ESLPod-Podcast.

Ich ziehe trotzdem sehr großen Nutzen aus diesen leichten Beiträgen. Ich muss mich beim Hören nicht auf das Verstehen konzentrieren, weil mir die Wörter vertraut sind. Dadurch kann ich meinen Fokus auf die Struktur der Beiträge lenken. Ich kann viel besser wahrnehmen, wie die Sätze aufgebaut sind und nützliche Phrasen erkennen und mir einprägen. Vermutlich würde ich die bei schweren Podcasts gar nicht identifizieren. Ich höre diese Podcasts also schon sehr bewusst und diese sind nicht einfach nur ein Hintergrundgeräusch für mich.

Ein weiterer Aspekt des Sprachenlernens ist die Aussprache. Langsam gesprochene Beiträge sind ideal, um die Aussprache zu üben. Ich kann einfach versuchen mitzusprechen und mich so an den Klang und den Rhythmus der Sprache gewöhnen. Die Aussprache des Englischen ist eine große Herausforderung für mich und manchmal habe ich das Gefühl, einen Knoten in der Zunge zu haben, aber je mehr ich englisch spreche, umso leichter fällt es mir.

Ich hatte übrigens diesen Beitrag schon geschrieben, aber noch nicht vertont, bevor jemand im Forum von LingQ einen Beitrag über die Simulgan-Methode eingestellt hatte. Diese Methode funktioniert nur mit leichten und nicht zu schnell gesprochenen Beiträgen. Sie entspricht genau meinem Vorgehen. Man versucht dabei simultan oder nahezu simultan mitzusprechen. Genau das tue ich, wenn ich die Aussprache übe. Durch das Nachsprechen des Wortes geht es einem leichter über die Lippen. Die Aussprache ist mir zwar momentan nicht so wichtig, aber ich trainiere sie gelegentlich mit dieser Methode. Durch das Nachsprechen prägen sich Wörter aber auch besser ein.

Ein wichtiger Effekt des Hörens vieler leichter Beiträge ist, dass sich das Gelernte festsetzt; es sackt besser, wie man so sagt. Wenn ich ein Wort in verschiedenen Beiträgen gehört habe, eingebettet in verschiedene Sätze, dann prägt es sich einfach besser ein. Durch die Wiederholung gelangen viele Wörter von meinem passiven Wortschatz in meinen aktiven Wortschatz. Einfache Podcasts geben mir hier die Möglichkeit, ausreichend nachdenken zu können, während der Podcaster spricht. Oft fällt mir zwischendurch ein, in welchem Zusammenhang oder in welchem Podcast ich das Wort schon einmal gehört habe und das hilft mir dann später mich wieder an dieses Wort zu erinnern.

Ich möchte nicht auslassen, dass ich darüber hinaus auch regelmäßig etwas schwerere Podcasts anhöre, die ich nie bei LingQ studiere oder bei denen ich nicht über den Text verfüge. Das ist einfach eine Frage der Zeit. Wenn ich eine Lektion bei LingQ studiere, mache ich das gründlich, das heißt ich erstelle dann wirklich zu allen unbekannten Wörtern einen LingQ und ich erstelle auch sehr viele LingQs zu Phrasen, die mir gefallen und die ich für nützlich halte. Diese LingQs kann ich dann mit der täglichen E-Mail wiederholen und sie prägen sich mir besser ein.

Die Podcasts, die ich nicht bei LingQ studiere, erscheinen natürlich nie in meiner Statistik. Trotzdem lerne ich alleine durch das Hören viele neue Wörter, da man im Zusammenhang doch oft die Bedeutung von unbekannten Wörtern erraten kann.

Ich habe das Gefühl, dass der Unterschied zwischen meinem aktiven und passiven Wortschatz durch meine Art des Lernens relativ klein ist. Ich schätze, dass ich 80 Prozent meines passiven englischen Wortschatzes aktiv verwenden kann.

Ein Grund ist vielleicht die erwähnte Simulgan-Methode, also das simultane Mitsprechen.

Ein anderer Grund ist sicher, dass ich die Schwierigkeit der Texte eher langsam steigere. Einmal gelernte Wörter vergesse ich nicht so leicht wieder, da ich durch die Menge an Podcasts, die ich höre, eine häufige Wiederholung habe. Ich höre mir zwar selten Beiträge noch einmal an, die ich bereits gehört habe, aber dadurch, dass ich viele Beiträge auf mittlerem Niveau höre, ergibt sich eine häufige Wiederholung der wichtigsten und gebräuchlichsten Wörter und Phrasen.

Meine Fortschritte im Schreiben und Sprechen bestätigen, dass ich mit diesem Vorgehen sehr erfolgreich bin. Man sollte sich lieber auf sein Gefühl verlassen, als auf die bloßen Zahlen, sobald man das Mittelstufenniveau erreicht hat. Was nützen einem 20.000 oder 30.000 bekannte Worte, wenn der aktive Wortschatz niedrig ist und wenn man nicht fähig ist, sich auszudrücken? Wie ich anfangs erwähnte, hatte ich das Gefühl, dass da jemand etwas verächtlich auf meine Statistik schaute, aber die Statistik bei LingQ spiegelt in keinerlei Weise meine Fähigkeiten im Schreiben und Sprechen wider und den Fortschritt, den ich erzielt habe, zumal ich ja neben den Aktivitäten auf LingQ auch viel lese und mir viel anhöre und sich das nicht in der LingQ-Statistik widerspiegelt.

Text und Audio dieses Beitrages findet man auch in der Sammlung “Veras Corner” in der deutschen Bibliothek von LingQ:
http://www.lingq.com/learn/de/store/lesson/67953

 

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